Kanada: Feuer und Wasser
Ob beim Surfen, beim Schwimmen, beim Kajakfahren, Segeln, Wasserski oder einfach beim darin Baden:Wasser ist fundamental für die Kanada-Erfahrung. Und das Lagerfeuer? Ganz genauso. Wir liegen in einer Wanne voll dampfenden Badewassers, lehnen uns zurück und entspannen unsere schmerzenden Muskeln. Nach mehreren Stunden Surfen in den klatschenden Wellen von Long Beach, CA, an Kanadas Westküste, sind wir müde und wund, aber sehr zufrieden mit uns.
Ein Sommerurlaub in Kanada ohne Wasser ist nicht vorstellbar – ob man surft, schwimmt, Kajak oder Wasserski fährt, segelt oder einfach darin badet. Wasser ist fundamental für die Kanada-Erfahrung. Und deshalb sind wir überrascht, als zwei junge Schweizerinnen, die wie wir das warme Wasser der Wanne genießen, bemerken, was für ein Luxus das ist. In der Schweiz, erzählen sie uns, wäre das Baden in einem warmen Becken im Freien ein High-End-Erlebnis, etwas, wofür man viel bezahlen würde. Wir aber befinden wir uns auf einem reizenden bewaldeten Campingplatz in der Nähe von Ucluelet, BC, und zahlen nur 30 $ für die ganze Nacht. Es gibt auch eine Sauna, in der wir nachher dampfen werden, wenn wir uns ausreichend eingeweicht haben.
Aber erstmal finde ich, dass ich die Frauen in eine andere grundsätzliche Kanada-Erfahrung einweihen sollte: Das Lagerfeuer. „Habt Ihr schon Feuerholz für das Feuer heute Abend gesammelt?“, frage ich. Sie schütteln ihre Köpfe, sie haben noch nie ein Lagerfeuer gemacht. Meine 14-jährige Tochter ist erstaunt. Ein Sommer ohne Lagerfeuer ist wie ein Hot Dog ohne Senf, s’mores ohne Schokolade …
Moment: Diese Frauen hatten wahrscheinlich noch nicht einmal die einfache Freude erlebt, in ein am Feuer geröstetes Hot Dog zu beißen oder in ein s’more – dieses klebrige süße Sandwich aus gerösteten Marshmallows und Schokolade, das zwischen Graham Crackers gequetscht wird (s’more ist die Abkürzung von „some more“, noch mehr: Denn wenn du eines gegessen hast, wirst du mehr wollen!).
Und da erkenne ich, dass die Kanadier sich an so vielen Wohltaten erfreuen und sie sogar für selbstverständlich halten. Wie lange Sie auch in diesem weiten Land leben, Wasser und Feuer bleiben allzeit bereite Begleiter. Letztlich schließt unser Sommerritual, die Stadt zu verlassen und zu unserem Wochenendhäuschchen zu fahren oder campen zu gehen, immer Wasser mit ein – in der einen oder anderen Form – und normalerweise auch Feuer.
Unsere Leidenschaft für das Wasser kommt nicht von ungefähr. Sie ist in unseren Knochen, schon seit der Zeit der frühen Forscher und Pelzhändler. Mit Kanus und ihren Aboriginal-Führern erkundeten sie unsere Flüsse und Seen, von denen einige die größen und längsten der Welt sind. Andere Forscher kartografierten penibelst unsere zerklüftete Küste am Atlantik, am Pazifik und am arktischen Meer.
Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Kanada auf Wasser gegründet wurde und immer noch davon umgeben ist. Wasser ist in unseren Genen, es nährt unsere Vorstellungskraft, es ist Teil der Psyche unseres Landes. Es vereint uns sogar. Kanada besteht aus vielen Regionen, und jede hat ihren eigenen Charakter, aber Wasser ist das allen gemeinsame Element.
Fragen Sie einen Kanadier „Wo befindet sich Ihre Hütte?“ oder „Wo gehen Sie am liebsten schwimmen?“, und sie werden eine Antwort bekommen und möglicherweise eine liebenswerte Beschreibung dazu, wenn Sie auch vielleicht nicht eine genaue Wegbeschreibung bekommen – einige Dinge sind geheim.
Wir lieben es, mit Feuer herumzuspielen, genau wie wir es lieben, im und rund um das Wasser zu spielen. Als Pfadfinder lernten wir, wie wir ein Feuer bauen können, das uns warmhält, um zu kochen, um drumherum zu sitzen und zu singen, um in seinem Schein zu lesen und sich Geschichten zu erzählen. Als Erwachsene bauen wir immer noch Feuerstellen, und zugleich bauen wir auch an unseren Familie und unseren Freundschaften.
Später am Abend rösten mein Mann, meine Tochter und ich Marshmallows über den glühenden Pinien und lachen über das Surfabenteuer des Tages, als wir uns plötzlich an die Schweizerinnen erinnern. Wir fragen uns, was sie gerade machen. Inzwischen ist es dunkel und ohne ein Feuer macht das Draußensitzen nicht viel Spaß. Wie beschließen, sie an unser Feuer einzuladen.
Mit der Hilfe von Taschenlampen machen Alanna und ich uns auf den Weg zu ihrem Zeltplatz, ein walk-in site, das tief im Wald liegt. Ihr Zelt ist dunkel und still, dabei scheint es noch zu früh zum Schlafen.
„Hallo“, rufe ich. „Hier sind die Kanadier, die Ihr im Hot Tub getroffen habt. Wir wollten euch fragen, ob ihr an unser Lagerfeuer kommen mögt?“
„Oh, das klingt toll“, kommt ihre überraschte Antwort. „Aber“, lachen sie, „wir liegen schon in den Schlafsäcken“.
„Ok. Ein andermal“, sage ich.
Wir wünschen ihnen gute Träume und kehren zu unserem Lagerfeuer zurück. Wir überprüfen noch einmal, ob unsere Badekleidung für morgen schon trocken ist und rösten noch ein paar ‘mallows. Es ist noch nicht zu spät für eine weitere Ladung s’mores und vielleicht eine Geschichte von meinem Ehemann, darüber, wie er am Great Slave Lake aufgewachsen ist und wie das Wasser sich nie richtig aufwärmte, sogar im Sommer, und wie man trotzdem darin geschwommen ist, bis die Lippen blau angelaufen waren. Abends machte man ein Feuer und erzählte sich Bärengeschichten und aß s’mores, bis kein einziges mehr reinpasste.
Wasser und Feuer mögen konträre Naturgewalten sein, in unserem Leben aber komplementieren sie sich. Und im Doppelpack machen sie uns einzigartig kanadisch. |